Es gibt immer eine ganze Menge Möglichkeiten Interviews zu machen, Band XY hat ein neues Album aufgenommen, die Besetzung wechselt oder sich dazu entschließt nach einer langen Trennung ein Comeback zu starten. Weniger alltäglich ist es für mich Autoren zu interviewen, um so mehr habe ich mich über die Möglichkeit gefreut, Christian Krumm – den Autor von „Kumpels in Kutten“ sowie „Century Media - Die Geschichte eines Labels“ – zum Interview auf ein gepflegtes Bierchen einladen und mit ihm über sein neues Buch „At Dawn They Sleep“ reden zu dürfen.





Hallo Christian, schön dass Du dir die Zeit für ein Interview nimmst!

Christian: Watt willste denn wissen?

Du bist ja jetzt nicht unbedingt als Roman-Autor bekannt, sondern bist ja eher der Historiker und Sachbuch-Autor… Wie bist Du denn auf die Idee gekommen einen Roman zu schreiben?

Christian: Als Roman-Autor bin ich zwar nicht unbedingt bekannt, aber eigentlich habe ich nach meiner Magisterarbeit damit angefangen zu schreiben. Die Kumpels in Kutten Geschichte ein sehr glücklicher Zufall. Der Holger (Schmenk. Anm. d. Redaktion) hatte die Idee das Buch zu machen und wäre er nicht auf den Gedanken gekommen, hätte es das Buch wohl auch gar nicht gegeben. Mit dem Century-Media Buch war es das Gleiche.Im Vorfeld hatte ich schon einen Roman geschrieben und den auch einem Verlag geschickt, aber das Manuskript wurde dann abgelehnt. Man muss aber dazu sagen, dass das völlig berechtigt war, weil ich zwar schon wusste was für eine Geschichte ich erzählen will, aber noch nicht, wie ich das richtig umsetzen kann. Das musste ich auch erst mal lernen. Dann hab ich mir gedacht, eigentlich ist es ja ganz nett Bücher über eine Szene und Plattenfirmen zu schreiben, aber ein wesentliches Element fehlt. Ich sag‘s mal so… bei den Sachbüchern kann man eine ganze Menge recherchieren. Man kann Interviews führen und das dann zu einer Geschichte verdichten. Man betrachtet das alles doch aus einer speziellen Perspektive. Bei Kumpels in Kutten ging es darum zu erfahren, wie es sich die Szene im Ruhrgebiet so entwickelt, bei Century Media lag der Fokus darauf , wie die Szene aus der Sicht einer Plattenfirma aussieht, wie das Geschäft und alles, was damit zusammenhängt, aussieht. Aber was die Leute in der Szene bewegt, kann ein Sachbuch nicht erschöpfend schildern. Und so hab ich dann mit „At Dawn They Sleep“ begonnen, als das Century Media Buch durch war. Ich habe dann erst einmal viele Bücher und Romane gelesen, um zu sehen, wie man so eine Geschichte am besten inszeniert. 


Damit wäre dann auch meine nächste Frage schon beantwortet, wie lange Du jetzt an dem Buch gearbeitet hast…

Christian: ja, also netto kann man sagen dass ich etwa ein Jahr an der Geschichte geschrieben habe. Wenn man jetzt noch die Konzeption und das Korrekturlesen mit dazu nimmt, hat es etwa zwei Jahre gedauert bis das Buch soweit fertig war.

Wenn man sich den Titel von dem Buch anschaut und noch nicht weiß worum es überhaupt geht, dann könnte man ja meinen es handelt sich um eine Vampir-Geschichte. Aber es geht um ganz normale Leute in der Metal-Szene, richtig? Erzähl doch mal grob, worum es in der Geschichte geht, ein kleiner Teil davon spielt ja sogar auf unserem Balkon wenn ich mich recht entsinne…

Christian: Ja, man braucht halt besondere Orte (lacht). Also am Anfang des Buches standen ein paar Ideen. Zum einen war ich über die Art, wie die üblichen Geschichten über die Szene geschrieben sind, nie wirklich begeistert. Es lief immer irgendwie auf dasselbe hinaus. Da ging es dann immer darum, wie toll die Musik ist oder das die Leute viel saufen und viel rumhuren und das es irgendeine Band gibt, die irgendwann einen Auftritt hat. Das ist so das, was ich mitbekommen habe. Und ich wollte mit diesem Konstrukt brechen, keine ganz andere Geschichte schreiben, aber beschreiben und dem Leser das Gefühl vermitteln, was die Metal-Szene eigentlich ausmacht. Der erste grundsätzliche Gedanke war: Irgendwie sind die (die Metaller) anders. Das merkt man auch wenn man selber Metaller ist. Und „At Dawn They Sleep“ ist wie wir alle wissen ein Slayer-Song. Ich fand die Vorstellung eigentlich ganz witzig, dass es tatsächlich Menschen gibt, die tagsüber völlig normal sind z.B. Anzug tragen, und wenn sie dann abends unter sich sind, völlig anders sein dürfen. Also dass dieses Metal-Ego tagsüber schläft.
Inhaltlich geht es um einen Anfang 20-Jährigen, der keine großartige berufliche Perspektive hat, der aber gerne schreibt und einen kleinen Job in einer lokalen Redaktion hat. Im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit stößt er auf die Metal-Szene und merkt, dass er sich dort sehr zuhause fühlt. Er merkt dann auch, dass er da erfolgreich sein kann und über sein Schreiben Anerkennung bekommt, was so in seiner anderen Welt vergönnt ist. Er schließt sich einer Band an, für die schreibt und sowohl die Band als auch er haben dann so eine Art Aufstieg und verdichtet sich dann zu einem, großen Knall, eigentlich mehreren, aber ich kenne den Plural von Knall nicht, Knalls? Knallen? (lacht). Das ist die Story. Natürlich habe ich überlegt , wie ich den Metal in die ganze Story rein bekomme. Denn einfach nur ein paar Bands erwähnen, das reicht ja nicht. Deswegen habe ich an Hand sehr vieler Metalsongs versucht herauszufinden, welches Gefühl diese Musik transportiert. Denn diese Gefühlswelt scheint irgendwie allen gemeinsam zu sein und deswegen konnte die Story, nach dem der grobe Plot fertig war, nur aus der Musik entstehen. So hat sich die Story wirklich erst entwickelt, indem ich ganz viele Gefühle und Motive aus den Songs genommen habe und da reingebracht habe. 


Wenn man sich die Geschichte durchliest und Dich kennt, dann merkt man aber schon, dass es auch ziemlich viele Parallelen zu deinem persönlichen Umfeld gibt. Du schreibst ja zum Beispiel auch das Blog für die Essener Rockband Crossplane.

Christian: Das lustige daran ist ja, das der Crossplane-Blog erst später kam. Da war dann die Fiktion schneller als die Realität. Ansonsten denke ich, dass kein Mensch, kein Autor von sich behaupten kann Geschichten autonom von seiner eigenen Erfahrungswelt zu schreiben. Natürlich wirst DU da erkennen, dass ich mich viel aus m einem Umfeld bedient habe. Auf der anderen Seite bin ich aber auch fest davon überzeugt, dass man Erlebnisse oder Personen NICHT eins zu eins kopieren kann. Ich kann also nicht auf irgendeine Szene zeigen und sagen, das hab ich jetzt so genau schon mal erlebt, ähnlich verhält es sich mit den Personen in dem Buch. Du hast einfach gewisse Dinge, die Du rüberbringen willst, und überlegst dann, wie Du das am besten für den Leser transportierst.

Das Artwork zum Buch wurde ja vom Björn von Killustrations erstellt, wie kam es denn dazu? Warum hast Du speziell ihn ausgewählt?

Christian: Da kannst Du dich eigentlich selber Interviewen, was das betrifft. Ich hab das erste Mal im letzten Jahr auf Eurer Geburtstagsparty mit Björn darüber geredet. Das Cover ist noch eine ganz eigene Geschichte. Das Cover für das Century-Media Buch hat der Axel Hermann gemacht und ich hatte auch überlegt für dieses Buch vom Axel zu fragen. Der Punkt ist nur, dass Axel einen Stil hat, der für klassische Sachen, für Death Metal zum Beispiel, hervorragend funktioniert. Man muss sich nur einmal den Bildband anschauen, den er letztes Jahr herausgegeben hat. Einfach Hammer! Aber ich konnte mir kein Bild vorstellen, das von Axels Stil her den Ton der Geschichte trifft. Ich schaue mir ja auch auf Facebook immer Bilder und Artworks von anderen Künstlern an und dann hab ich einige Arbeiten von Killustrations gesehen, die mir gut gefallen haben.
Björn fährt ja eher die modernere Schiene und schafft es so, reale Bilder zu nehmen und diese ins mystische zu transportieren. Und diese Mischung aus wirklichen Bildern und Imagination war die Sache für den Roman, den er funktioniert in gewisser Weise genau so. Und so habe ich Björn gefragt, ob er sich da eine Zusammenarbeit vorstellen kann. Er hat zugesagt und das schöne bei Ihm war, dass er von sich aus immer nachgefragt hat, wie denn jetzt der Stand ist. Er hatte Bock drauf, was Besseres kann nicht passieren, und ich hab ihm komplett freie Hand gelassen. Zwei Stunden haben wir dann noch über das Artwork geredet, mehr war gar nicht nötig. Wichtig war mir nur eine Fluchtpunktperspektive und dass man sehen kann, dass etwas passiert ist. Wie so eine Art Tatort. Und genau das hat er auch hinbekommen und darüber hinaus noch sehr viel mehr Es ist perfekt. Als ich das fertige Bild dann zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich eine richtige Gänsehaut.


Auf dem Artwork kann kann ja auch einiges aus dem Buch entdecken…zum Beispiel das Ballaschnikow…Bandnamen aus dem Buch und auch den Verlag hat Björn ja geschickt eingebaut. Kannst Du mir noch ein wenig mehr dazu erzählen?

Christian: Ja, das Cover ist eine ganz interessante Mischung aus Elementen des Buches. Die Szene kommt zwar so nicht vor, bringt es aber total auf den Punkt. Das Artwork ist eine Art gefühlsmäßige Collage. Was ich total klasse finde, sind die brennenden Papierstücke, die Björn da eingebaut hat. Die kommen zwar auch so nicht im Buch vor, aber der Protagonist lässt sich irgendwann eine Tätowierung machen mit einem schwarzen Kater, der aus einem brennenden Buch entspringt und darunter steht „Manuscripts don’t burn“. Das ist ein Zitat aus einem meiner Lieblingsbücher, nämlich „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow. Der Lieblingskater des Teufels, der auf dem Tattoo abgebildet ist, heißt übrigens Begemoth, quasi die russische Variante von Behemoth.

Man merkt schon dass Du da extrem viele Details zusammengetragen hast für die Geschichte und auch viel Intertextuelles eingebaut hast.

Christian: Ja, da wir gerade beim Thema sind. Das ist richtig. Ich weiß auch gar nicht, ob ich selber noch alle Bezüge zu Songs zusammenbekomme, die ich in die Geschichte eingebaut habe. Es gibt da aber ein paar schöne Beispiele. Zum Beispiel kommt in der Geschichte eine Femme Fatale vor, die ist aus einem Song von Type 0 Negative entnommen, nämlich Christian Woman. Oder es gibt Szenen, in denen ich versucht habe die Atmosphäre eines Songs widerzuspiegeln. Zum Beispiel Queensryche’s Sweet Sister Mary vom Album Operation Mindcrime ist so ein Song, bei dem ich gedacht habe „Ich will so eine Szene in dem Buch haben“. Ich wusste nicht warum oder welche Bedeutung das haben wird, aber ich musste so eine Szene haben. Es gibt da noch eine ganze Reihe andere Songs. Alleine die Tatsache dass das Buch 13 Kapitel hat, geht auf „Scenes from a memory“ von Dream Theater zurück. So hat also im Prinzip die Musik das Buch mitgeschrieben.

Dann würde sich ja für das Buch eigentlich so eine Art Soundtrack anbieten oder wenn das nicht möglich ist zumindest eine Art Hörliste. Hast Du das eventuell auch geplant?

Christian: Definitiv. Ich habe auch sowas in der Art gemacht. Zumindest habe ich aufgelistet, welche Alben im Bezug auf das Buch wichtig waren. Ich habe auch überlegt, ob ich die in das Buch übernehmen soll, aber der Spaß daran ist ja, dass selber heraus zu finden. Und Leute, die sich mit der Geschichte beschäftigen, kommen ja auch auf Ideen die ich gar nicht hatte. Ein Autor von einem Buch hat schließlich auch nicht die Interpretationshoheit über seine Geschichte.

Wie bei Roland Barthes „Death of the Author“, der ja mehr oder weniger die Auffassung vertritt dass der Leser das Buch „schreibt“.

Christian: Das denke ich auch. Es braucht ja keinen zu interessieren, was ich gemeint habe, wenn es nicht im Buch steht. Das ist ja das spannende. Vielleicht finden ja Leute Bezüge oder Beziehungen, die ich so gar nicht beabsichtigt habe. Und warum sollte ich dann sagen „Ne, das war aber nicht so gemeint.“

Das Buch kommt ja dieses Jahr am vierten April raus und man kann es ja auch schon bei Nuclear Blast vorbestellen. Was ist denn sonst noch so geplant? Wird es Lesungen geben?

Christian: Ja, da ist einiges in Planung. Zum einen wird es im Café Nord in Essen eine Releaseparty geben und Lesungen sind natürlich auch schon geplant. Aber da schon einige Termine bestätigt, zum Beispiel der 4. Mai in Dortmund im BlackEnd. Wir haben da von vielen Seiten schon viel Unterstützung erhalten, was echt beeindruckend war. Ich bin natürlich auch sehr gespannt auf die Reaktionen. Ich denke, man muss sich schon ein wenig Zeit nehmen, sich in die Geschichte hineinzuversetzen. das ist ähnlich, wie wenn man in eine Nebelbank fährt: anfangs eher gemächlich, aber auf einmal ist man mittendrin und weiß eigentlich gar nicht wie das passiert ist. Ich hoffe natürlich, dass es dann den Leuten gefällt.

Mir ist das beim Lesen auch schon aufgefallen, dass das Buch definitiv anders geschrieben ist, als ich es gewohnt bin. Das ist am Anfang etwas fordernd, aber dennoch mag man das Buch nicht weglegen.

Christian: Du wirst lachen, diesen Störeffekt hab ich selber auch. Ich weiß, dass man sich gerade so auf den ersten 10, 15 Seiten sich an den Stil gewöhnen muss. Das Buch ist fast so wie ein neues Album von einer Band, von dem Du dich erstmal berieseln lässt.

Hast Du schon Pläne für Dein nächstes Buch?

Christian: Klar, eigentlich habe ich schon Pläne für die nächsten zehn Bücher. Es scheint so, als müsste ich v on jedem Thema mindestens zwei Bücher schreiben, weil einfach so viele Ideen übrig bleiben… Ich möchte da nicht zu viel sagen, aber nachdem ich jetzt die Metal-Szene durch die Augen eines Menschen der in die Szene reinkommt beschrieben habe, könnte es sein dass ich eine Geschichte aus dem Blickwinkel von jemandem schreibe, der schon lange in der Szene drin ist. Da sind noch längst nicht alle Verrücktheiten ausgeschöpft. Ich hab da noch einige Ideen.

Dann danke ich Dir für das Interview!

Christian: Danke, war mir eine Freude! Vielleicht trifft man ja den ein oder anderen auf einer Lesung, ich würde mich freuen.