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Wenn man aktuell einen Blick auf Facebook oder sogar in Zeitschriften wie den Stern riskiert könnte man den Eindruck bekommen man müsste sich entschuldigen wenn man das Wacken Open Air besucht und dieser Umstand auch noch bekannt wird. Schon seit Jahren wird auf das wohl größte deutsche Kulturevent im Metalbereich geschimpft.

Erstaunlicherweise aber fast nur im deutschsprachigen Raum. Von einem Untergang der Metalszene ist oft die Rede. Wacken ist kein Heavy Metal! Und es dauert auch nicht lange, bis eine eigens erstellte Anti-Wacken Facebookgruppe das Festival in Verbindung mit rechten Organisationen bringt weil auf einer Seite mit zumindest fragwürdigem politischen Hintergrund über einen der unzähligen Werbeverteiler Wacken-Werbung zu sehen ist. Dass die Vorwürfe an den Haaren herbeigezogen sind stört hierbei kaum einen. Selbst wenn einem der Wacken-Zirkus zuviel ist und man selber keine Lust hat sich den Stress anzutun nimmt die Kritik an der Veranstaltung langsam seltsame Züge an. Natürlich sind die Ticketpreise raketenartig in die Höhe geschossen. 2002 kostete ein Ticket noch 50€. 12 Jahre später soll ein Ticket mal 170€ kosten. Die Bierpreise und auch die Kosten für die sonstige Verpflegung sind hoch. Aber wird man gezwungen die Karten zu kaufen oder auf dem Festivalgelände zu konsumieren? Nein. Eigentlich nicht. Natürlich ist das Wacken Open Air ein kommerzielles Festival. Die Veranstalter machen den Kram hauptberuflich, natürlich wollen sie mit dem Festival Geld verdienen. Aber nicht nur das Festival ist kommerziell. Auch wenn es weh tut: Die großen Bands die in Wacken und bei anderen Gelegenheiten frenetisch abgefeiert werden sollen nicht kommerziell sein? Irgendwie kann ich der Logik nicht ganz folgen. Ob man jetzt ein Wrestlingzelt oder einen Mittelaltermarkt unbedingt benötigt, dass kann man natürlich in Frage stellen. Alles in allem finden sich aber immer noch genug Abnehmer für solche Extravaganzen. 

Neue Feindbilder braucht der Underground

Ohnehin wird der nicht kommerzielle Underground hier oft als letzte Bastion gegen das (un)helige Land Wacken gesehen. Natürlich gibt es hier einen ganzen Haufen Bands die nur für einen Kasten Bier spielen (oft zurecht) und die glücklich damit sind. Sobald sich aber jemand den Anspruch setzt von seiner Musik leben zu wollen (anscheinend wollen das auch einige Undergroundbands) wird man kommerziell. Etwas anderes bleibt einem auch gar nicht übrig. Oft sind es auch Bands aus dem Underground, die sich wie ein Schnitzel freuen wenn sie dann doch mal auf einem größeren Festival (oder eben auf dem Wacken Open Air) spielen dürfen. Bleibt noch abzuwarten ob diese Leute dann mit Verachtung gestraft und aus dem heiligen Underground verstoßen werden. Die Befürchtung ist gar nicht so weit hergeholt wenn man sieht und liest das Leute aus dem sonst angeblich so toleranten Underground fordern Besuchern mit Wacken-Shirts den Eintritt zu Undergroundkonzerten / Festivals zu versagen. Wenn man keine Feindbilder mehr hat, weil diese bereits irgendwie in die Metalszene integriert worden sind (Hardcore, NuMetal) schafft man sich eben neue. Geht auch ganz einfach.

Wacknaröck: Hilfe die Welt geht unter!

Was die musikalische Toleranz angeht ist man inzwischen eh sehr eigen in der deutschen Metal-Szene. Schon als Sodom mit Roberto Blanco auf dem Wacken auftraten beschwor man den Untergang des Metal-Abendlandes. Dass die Idee aus einem Werbespot der auf Demenz hinweisen sollte und damit einen durchaus ernsten Hintergrund hat, entstand interessierte niemanden. Der diesjährige Skandal war schnell gefunden: Heino tritt mit Rammstein auf. Was erlaubt sich dieser alte Furz eigentlich? Nunja... er wird wohl von Rammstein gefragt worden sein, nachdem er doch recht Werbewirksam und genial einen Song der Band mit dem rollenden R gepowert hatte. Und anscheinend haben sich auch viele den Auftritt angesehen und gut gefunden. Darf man das? Darf man Heino gut finden? Auf dem Wacken Open Air?

Klar darf man. Man muss nicht, aber man darf. Schließlich hat der Mann mit seinem Coveralbum eine durchaus unterhaltsame Arbeit abgeliefert. Wer jetzt darüber motzt, dass Heino ja schlagernahe Volksmusik macht sollte sich vielleicht dreimal überlegen ob er Bands wie die Ruhrpotts-Szenegröße Onkel Tom oder ähnliche noch gut finden darf. Diese bedienen sich schließlich wissentlich und mit voller Absicht an dem musikalischen Stammtisch-Arsenal und werden dafür ebenfalls ordentlich abgefeiert. Ist das nicht ein wenig scheinheilig?

Keiner zwingt Euch ein Heino-Album zu kaufen. Keiner zwingt Euch ein Rammstein-Album zu kaufen. Keiner zwingt Euch ein Wacken-Ticket zu kaufen. Warum regt ihr Euch also so auf? Die alternative "oppositionelle" Szene, die es in den Achtzigern noch gab, ist (halb)tot und der Grund dafür ist offensichtlich. Statt Änderungen willkommen zu heißen wird alles was nicht Regelkonform ist mit Hassparolen überschüttet. Inzwischen präsentiert sich die (deutsche) Metalszene genau so spießig wie die verhasste Volksmusik.

Das ist Schade.