Saltatio

Hat man nicht schon das Cover richtig gedeutet, auf dem die Jungs nicht mittelalterlich, sondern eher steampunkig, fantasievoll in Comicmanier dargestellt sind, so wird beim ersten Hören und spätestens nach den ersten beiden Songs die Vermutung nahegelegt, dass es sich hier zunächst um ein rockiges Machwerk mit brandaktuellen politischen Seitenhieben, statt mittelalterlicher Romantik dreht. Die Wahrheit sieht dann gottseidank etwas anders aus: Die CD ist eine wunderbare Mischung aus Rock- und Mittelalterelementen, wobei die Grenzen zumindest melodie- und stiltechnisch durchaus verschwimmen können und durchweg sehr rockig sind.
Tritt der erste Song „Früher war alles besser" trotz des modernen Themas noch stiltechnisch in mittelalterliche Fußstapfen, so ist der zweite Song „Wachstum über alles" schon deutlich alberner und hört sich wie eine Verballhornung der Nationalhymne, was es dann teilweise auch ist. Ich würde fast sagen, beide Songs sind eine gesangliche Politkarrikatur (gibt es sowas? Egal! Jetzt schon!). Ironisch und witzig, - nicht das, was ich von Saltatio Mortis erwartet hätte, ein bisschen in Richtung Tote Hosen mit Dudelsack – und ziemlich gut.
Mit „Krieg kennt keine Sieger" kommt wieder ein epischer Song auf, der irgendwo zwischen den beiden Welten vermittelt und den ich mir vom Text her auch der gut vor mittelalterlichem Ambiente vorstellen könnte, während einige Songs des Albums dieses Siegel absolut nicht für sich beanspruchen können. Ich muss auch frei und offen zugeben, dass ich beim Lesen des Titels erst dachte „Gott! Nicht schon wieder so ein abgedroschener Anti-Kriegssong". Ich wurde dann aber ziemlich positiv von dem wirklich geilen Feeling, das der Song vermittelt überrascht.
„Der Kuss" läutet dann auch schnell wieder texttechnisch den „mittelalterlichen Bereich" der Platte ein, wenngleich vom Hintergrundgeschehen her mit einer Menge E-Gitarre. – Ich muss aber sagen, dass mir hier der Text, was relativ untypisch für Saltatio's Songs ist, auf das erste Anhören nicht so extrem gut gefallen hat. Es drischt irgendwie mit dem Thema „Zweckehe im Mittelalter ohne Liebe, oh mein Gott!" in eine Bresche rein, die man schon tausendfach auch bei anderen Bands gehört hat – und im Gegensatz zum vorigen Song konnte mich das dann doch nicht so extrem beeindrucken. Allerdings passt er sich ziemlich gut in die Platte ein und beim zweiten und dritten Hören hab ich mich dann doch auf die tollen Dudelsackpassagen gefreut. Fazit: Der Song ist nicht schlecht. Aber ich bin Besseres und Individuelleres von Saltatio gewohnt
Und yeah! „My Bonnie Mary" ist eine absolut gelungene Vertonung des gleichnamigen Songs von Robert Burns. – Wem der Name nichts sagt: Der hat auch „Auld Lang Syne" geschrieben, das vielen als Trinklied in guter, oder gelegentlich auch recht vager Erinnerung sein dürfte. In meinen Augen war es so verdammt genial und energiegeladen, dass ich es mir gleich dreimal anhören musste. So will ich Saltatio hören! Eine geniale Mischung aus Flötentönen zum Intro und dann ein kerniges Battle zwischen EGitarre und Dudelsack, die einfach nur mit ner genialen Melodie aufwartet! – Ich denke der altertümlich anmutende englische Text wird etwas schwer vor der Bühe mitzugrölen sein, aber ich bin guter Dinge, dass ich das bis dahin im Schlaf kann. :-P
Wie auf jeder CD braucht es natürlich auch hier wohl eine Quotenballade und das ist leider mit „Sandmann" angedacht. Mein Fazit des Songs ist eigentlich nicht sehr gut, denn das ätherische Geflüster zwischen dem dann doch überraschend eingängigen Refrain ist eigentlich nicht so meins. – Und das vorpubertäre, trällernde Kind... uarg!... naja... okay, passt halt wie ich finde nicht so sehr ins Saltatio-Schema, ist zu brav und vom Text her (ich kanns nicht besser ausdrücken) und dann wieder doch sehr „pseudo". Ein Kollege von mir meinte gar es mit SUBWAY TO SALLY vergleichen zu müssen. Immerhin, wenn ich mir vorstelle, wie der Refrain in der Abenddämmerung mit ein paar erhobenen Feuerzeugen gespielt wird, kann ich mir denken, dass der dann doch auch bei mir ne gewisse Stimmung erzeugen würde.
Und dann nach einer vergleichsweisen Flaute: Mein Lieblingssong des Albums! - „Satans Fall". Ah... also... was soll ich sagen? – „Never change a running system." ist in meinen Augen nicht immer ein schlechtes Prinzip. – Will meinen: Nach tollen Sagen- und Mythenliedern, wie „Prometheus", „Daedalus" und Anderen ist dies hier wieder ein Song, der voll in die Sparte „episch und geil" fällt. Man könnte bemängeln, dass die Songs stil- und texttechnisch doch mittlerweile nicht mehr ganz neu für die Band sind, ABER was zur Hölle soll schlimm daran sein, wenn ein funktionierendes Prinzip auch noch ein drittes und viertes Mal verdammt geile Stimmung verbreitet?– Gern mehr Songs von der Art! Ich freue mich schon darauf auf dem nächsten Konzert darauf zu tanzen!
Der darauffolgende Song „Idol", gibt mir mal texttechnisch wieder einmal so viel und ist damit der dritte Song, den diese Band geschrieben hat, der definitiv zu meinen persönlichen Balladen werden wird. – Oder um es anders zu sagen: Keine andere Band hat es bisher geschafft mir so extrem aus der Seele zu sprechen und dabei noch dermaßen geniale Melodien aufs silberne Rund zu zaubern! Das Gitarrensolo finde ich dabei sehr empfehlenswert und überraschend, weil es in meinen Augen zu der mittlerweile recht gewohnten Saltatio-Rockigkeit doch nochmal eine gehörige Schippe drauflegt.
- Und hier kommen wir nun zu meinem Anspieltipp „IX", wenngleich ich viele Songs dabei hatte, die ich an die Stelle hätte packen wollen. Teilweise auch Songs, die ich noch besser fand. – Warum also gerade „IX"? – Ganz einfach: Weil er eine Stimmung macht und entgegen meiner Befürchtung kein reines Akustikstück ist, sondern textlich über schwarze Magie handelt, mit viel Zahlenspielerei – und sehen wir uns nun den Titel des Albums noch einmal genauer an, so wird sicherlich klar, dass dieser Songs wohl auch als Titelsong gedacht ist. Warum also nicht als Anspieltipp? Er hat alles an Feuer, das man an Saltatio kennen und lieben sollte und wem dieser Song gefällt, dem sei versichert, dass es noch eins zwei Steigerungen geben wird!
Der „Galgenballade" habe ich sehr viel Hoffnung entgegengebracht und fand es dann doch relativ normal. Interessanter Text, aber teilweise zu viel gesprochen und zu wenig Melodie. Ich möchte gern feiern und kein Hörbuch hören. :-P
„Abrakadabra" ist wieder ein sehr geniales auf leichte Dissonanzen aufgebautes Stück und hat dadurch vor allem anfänglich eine sehr indisch wirkende Ausstrahlung, bei dem ich gespannt auf die Live -Version bin, da ich ansonsten oft das Gefühl hab, dass Dissonanzen Alea im Gesang nicht sonderlich liegen. (*husthust* siehe Salome. ;-) ) Mal sehen, ob er mich beim nächsten Live-Konzert überrascht.
„Nur ein Traum" schließt sich mit einer ähnlich aggressiven Melodie gut an das Vorlied an, gibt mir jedoch texttechnisch nicht ganz so viel. – Schöne Bildsprache immerhin und ein gutes Lied, dass Laune macht!
Hab ich von EINER Quotenballade gesprochen. Verzeihung! Saltatio ist doch immer dafür bekannt noch einen drauf zu setzen und hier haben wir mit „Randnotiz" einen weiteren ruhigen Song, der ein geniales Album entspannt ausklingen lässt. Ich war etwas überrascht ob dem neumodischen Titel ein Lied in altertümlicher Sprache vorzufinden und habe auch gleich Doktor Google befragt, woher der wohl stammen könnte. – Und voila! Es war nicht einfach es herauszufinden, aber es handelt sich hierbei um eine sehr gelungene Neuvertonung eines alten Minnesangs bzw. einer Liebeslyrik, die im 12ten Jahrhundert von Werner von Tengersee verfasst wurde. --- Ah, wen das nicht interessiert, dem hilft nur eins: Die Infos gedanklich bei Seite schieben und den Song, der hier von Saltatio als gelungenes Duett zwischen Alea und einer mir unbekannten Frauenstimme verpackt wurde, einfach so genießen!
Insgesamt kann ich also behaupten, dass Saltatio ganz nach meiner Erwartung mal wieder ein Meisterwerk geschaffen hat, dass seine 9 von 10 Punkten eindeutig verdient hat. Die Texte hier sind meines Gefühls nach zum Großteil sehr düster bemessen, was der Albentitel allerdings schon versprechen sollte. Den einen winzigen Punk gelassen haben sie nur aufgrund meines eigenen Geschmacks und weil ich 10en wirklich nur dann vergebe, wenn mir ein Album wirklich die Schuhe auszieht, was hier nicht ganz so der Fall war, wie bei „Aus der Asche" zum Beispiel. Wer es sich nicht kauft ist selbst schuld!

Titel:

Das Schwarze Einmaleins

Veröffentlicht am:

16.08.2013

Label:

Napalm Records

Bewertung:

9.0

Tracklist:

1. Früher war alles besser
2. Wachstum über alles
3. Krieg kennt keine Sieger
4. Der Kuss
5. My Bonnie Mary
6. Sandmann
7. Satans Fall
8. Idol
9. IX [X]
10. Galgenballade
11. Abrakadabra
12. Nur ein Traum
13. Randnotiz
Wir verwenden Cookies (z.B. Sessioncookies), um dem Besucher das beste Nutzererlebnis zu bieten. Diese Cookies sind eine rein technische Notwendigkeit und werden nicht für das Nutzertracking genutzt. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben oder in irgendeiner Form auf den Servern von MetalViecher.de gespeichert. Sie geben Einwilligung zu unseren Cookies, wenn Sie unsere Webseite weiterhin nutzen.
Okay!